28. Dezember 2014

*Rezension* Sechs Jahre - von Charlotte Link



Der eine Arzt sagt, sie hat noch ein Jahr. Der nächste Arzt sagt, es sind noch 2 Jahre. Doch wie auch immer, bei einem sind sie sich alle einig: Franziska wird sterben, sie wird den Kampf gegen den Krebs nicht gewinnen können. Doch das tut sie. Sie sagt dem Krebs den Kampf an, kämpft mit Leibeskräften, besiegt den Krebs und macht aus dem besagten einen Jahr letztlich 6 Jahre, die sie noch gemeinsam mit ihrer Schwester lebt und liebt.



Charlotte Link schrieb dieses Buch über die Leidensgeschichte ihrer Schwester Franziska, weil sie die Welt darauf aufmerksam machen möchte, wie leichtfertig mit Aussagen in Krankenhäusern um sich geschmissen wird, wie mies dem Tode geweihte Personen behandelt werden, was für unfähiges Krankenhauspersonal in Deutschland angestellt ist und wie hart der Kampf ums Überleben wirklich ist.

Franziska erkrankt in jungen Jahren an Morbus Hodgekin, eines Krebsbefalls des Lymphsystems. Diesen Krebs kann man mit einer aggressiven Strahlen- und Chemotherapie recht gut behandeln, und auch sie geht geheilt aus dieser Geschichte raus.
Umso entsetzter ist sie, als 20 Jahre später bei ihr Darmkrebs diagnostiziert wird. Diesem Darmkrebs folgen nach Aussagen und Diagnosen der Ärzte in den folgenden Jahren noch mehr oder minder schlimme weitere Tumore und Metastasen. Mehr oder minder, weil mit jeder neuen Erkrankung ihr Ableben prognostiziert wird. Aber sie überlebt sie alle, sie kämpft an der Seite ihrer Familie, und schaffe es jedes mal aufs neue den Krebs zu besiegen.
Bis sie schließlich von der 20 Jahre zurückliegenden Erkraunkung eingeholt und überrannt wird. Eine Folge, die ihr niemand genannt hat, die niemand prognostiziert hat, auf die sie niemand vorbereitet oder vor der sie niemand gewarnt hat. Denn die Behandlung von Morbus Hodgekin zieht etwa 20 Jahre nach der Behandlung Folgeschäden mit sich. Es kommt zu weiteren Tumoren, und letztlich zu einer Fibrose, die Vernarbung der Lunge, was die Zerstörung des Lungengewebes mit sich bringt und nicht aufzuhalten ist.

Mir hat es unglaublich leid getan, wie stark diese Frau gekämpft hat, und wie wenig sie davon hatte. Sie hat jeden einzelnen Krebs besiegt, einschließlich der "nicht operablen" Metastasen. Ich war erstaunt über ihren Entschluss und ihre Kraft, dem Krebs mit einem Arschtritt zu begegnen, für jede unmögliche Situation einen Arzt zu suchen und zu finden, der es möglich macht.
Aber ebenso schockiert war ich über die unverschönten Aussagen die Charlotte Link hier trifft. Sie versucht dem Leser wirklich die Augen zu öffnen und den unmöglichen Umgang mit Patienten deutlich zu machen. Wie hier mit todkranken Menschen Geld gemacht wird, hat mich absolut schockiert. Mir war bewusst, dass nicht jedes Krankenhaus super ist, und dass das Pflegepersonal auch gestresst ist und manche Dinge untergehen oder auch Diagnosen falscht gestellt werden. Dass es aber so schlimm ist, hätte ich mir nie träumen lassen.
Ich habe allerdings keinen Grund an den hier getroffenen Aussagen zu zweifeln, denn vorstellen kann ich mir das ganze wirklich sehr gut.

"Völlige innere Zerrissenheit ist vermutlich ein typischer Teil des Prozesses, den wir als Familie gerade durchlaufen. Wir wollen, dass sie lebt. Aber wir können ihr Leiden fast nicht mehr ertragen. Sechs Jahre lang habe ich Abend für Abend gebetet, sie möge gesund werden und bei uns bleiben. An diesem 24. Dezember des Jahres 2011 bete ich erstmals darum, dass sie sterben darf. Nicht erst in zwei Jahren. Sondern schnell." (S. 208)

Die Autorin schreibt dieses Buch aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive als Schwester der Erkrankten. Sie berichtet die Dinge ohne Garantie auf medizinische Richtigkeit, so wie sie sie erlebt hat. Sie berichtet von Krankenhausaufenthalten, Diagnosen, Nachfragen von Freunden, dem Abkapseln, dem Aufgeben des Selbst und nächtelangen Google-Recherchen.
Sie tritt in diesem Buch absolut menschlich auf.

Was ich persönlich sehr schade fand, war, dass sie ständig schon weit im Vorraus vorweggenommen hat, was passieren wird. Sie fing an etwas zu erzählen und schiebt dann einen Satz á la "Was sich später aber als falsch rausstellt, weil meine Schwester diese Krankheit gar nicht hatte", und erzählt dann erst von der Diagnose und dem langen Weg des Feststellens, dass dies falsch war.
Das nimmt dem ganzen etwas die Fahrt, und auch die "Spannung", soweit man bei diesem Buch eben von Spannung reden kann, ohne sensationsgeil wirken zu wollen.
Ich hatte mir hier eher eine chronologische Reihenfolge, in eine Art Geschichtsform verpackt, erhofft und war etwas enttäuscht, dass es wirklich ein stupider Tatsachenbericht mit einer Aneinanderkettung von medizinischen Ereignissen ist. Ich bin medizinisch sehr interessiert, und sprachlich war dieses Buch so gut geschrieben, dass ich in einer Nacht durch war. Dennoch fehlte mir das besondere, der "Erzählmodus", die Verpackung, das Gesamtpaket.

Ich konnte leider keine Bindung zu den beiden aufbauen, weshalb ich an keiner Stelle gehofft habe, dass sie doch noch überlebt (denn das wird ja letztlich schon im Klappentext vorweg genommen). Ich habe am Ende auch nicht wirklich weinen müssen, eigentlich war ich nicht mal traurig, weil mir einfach die Emotionalität fehlte. Sie schrieb hin und wieder von Gefühlen die sie hatte, sie hat sie leider aber nicht rüberbringen können.

Ebenfalls haben mir die Personen drum herum etwas an Form und Farbe verloren, je weiter das Buch fortgeschritten ist. Die Autorin beteuert immer wieder, wie wichtig die Familie füreinander war, wie sehr sie sich unterstützt haben.
Doch mit keinem Wort wird erwähnt, wie es den Kindern der Patientin geht. Was ist mit diesen Kindern? Durften die sich überhuapt jemals von ihrer Mutter verabschieden? Was ist mit ihrem Mann?
Die Eltern, die sie die ganze Weile gepflegt und bei sich aufgenommen haben.... Was ist mit ihnen? Wie haben sie dieses Leid verkraftet?
Ich könnte noch tausend Fragen in diese Richtung stellen.

Und letztlich habe ich mir - unabhängig von Bewertung des Inhalts oder sonstiges - immer wieder folgende Frage als Fazit gestellt:
WOFÜR? Wofür hat Tschesie gekämpft? War es das wirklich wert.
Angepriesen wird dieses Buch mit dem Anreißer "man prognostizierte uns 1 Jahr. Am Ende hatten wir 6 Jahre."
Aber was war in diesen 6 Jahren? Nach Beschreibung und Inhalt dieses Buches hat sie 6 Jahre lang gelitten, gekotzt, sich abgemagert, geweint, und Angst gehabt. Ist das wirklich ein Leben? Ist das etwas, worum es sich zu kämpfen lohnt? Sie hat 6 Jahre gelebt - 5 Jahre länger, als erwarte. Aber um welchen Preis? War es das wirklich rückblickend wert?

Von mir gibt es 4 Sterne für einen guten Schreibstil, für eine ungeschönte Wahrheit die dem Leser die Augen öffnet und für eine traurige Geschichte, die sich schnell und flüssig lesen ließ.


Kommentare:

  1. Hallo ihr Lieben!

    Habe das Buch schon ein paar mal genauer angesehen und mir überlegt es zu kaufen. Einerseits finde ich es toll, wenn in einem Buch nichts verschönert und den Tatsachen ins Auge gesehen wird, andererseits nehmen mich solche Geschichten immer sehr mit (weil man weiß das sie wahr sind). Hm, schwierig ;)

    Lasse Euch einen ganz lieben Gruß da,
    Tanja ♥

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    1. Das fand ich hier halt eben nicht, und genau das fand ich schade. Mir hat ein bisschen was gefehlt, eben dieses "mitnehmen"

      Lg

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  2. Hey
    Ich hab beim SUB- destroyer mitgemacht. Vielleicht möchtest mal vorbeischauen... ?
    LG. Tine :)

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  3. Hey, "Sechs Jahre" war mein Jahreshighlight 2015. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich deine Rezension auf meinem Blog verlinkt habe. Du kannst es dir HIER anschauen.

    Alles Liebe, Nelly

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